Interview mit dem österreichischen Architekten Adolf Krischanitz

Veröffentlicht am 19. Januar 2020
Adolf Krischanitz, Architekt, Designer, Publizist, Ausstellungsmacher und Universitätslehrer. © Elfie Semotan
© Elfie Semotan

Wenn Adolf Krischanitz Möbel entwirft, dann nicht ins Blaue hinein, sondern meist im Zusammenhang mit einem eigenen Architekturprojekt. Über die Jahrzehnte ist da einiges zusammengekommen.

Von Harald Sager

Sind Ihre designerischen Arbeiten Nebenprodukte von konkreten Architekturprojekten oder eine eigene Schiene Ihres Schaffens?
Adolf Krischanitz: Beides. Bei großen Projekten wie beispielsweise dem Quai Zurich, dem Hauptsitz der Zurich Versicherung, oder dem Laborgebäude des Novartis Campus in Basel habe ich immer wieder bestimmte Möbel oder Leuchten eigens dafür entwickelt. Diese waren später auch außerhalb ihres Kontexts käuflich erwerbbar.
Manche Projekte hingegen sind rein designerisch. So ist der Hersteller Braun Lockenhaus vor ein paar Jahren mit dem Wunsch an mich herangetreten, Bugholzmöbel für ihn zu entwerfen. Daraus ist die Serie Bentwood entstanden, darunter der Sessel m99, den es in drei Varianten gibt: mit geschlossener, offener oder gelochter Rückenlehne. Ebenfalls Teil der Serie sind unter anderem die Bugholztische m86 mit runder satinierter sowie m87 mit quadratischer Tischplatte.

Sie haben aber auch Unikate entworfen …
Krischanitz: Ja, so etwa die Schreibstube für Robert Menasse oder mein Zimmer im Hotel Altstadt. Dort ist die Spielregel, dass jeder Architekt nur ein Zimmer gestaltet.

Gehen Sie anders an Design- als an Architekturprojekte heran?
Krischanitz: Nicht unbedingt – der Aufwand ist bei beidem hoch. Um einen guten Stuhl zu entwickeln, brauche ich manchmal ein Jahr – in der Zeit kann ich durchaus auch schon ein Haus entwerfen! Beim Design, beispielsweise von Stühlen, hängt alles davon ab, wie lange es dauert, bis die Prototypen gebaut sind. Prototypen sind extrem wichtig: Man muss so lange probieren und einen neuen bauen, bis es passt.

„Um einen guten Stuhl zu entwickeln, brauche ich manchmal ein Jahr – in der Zeit kann ich durchaus auch schon ein Haus entwerfen!“
Adolf Krischanitz

Als Designer entwerfen Sie in erster Linie Sitzmöbel und Leuchten, ist das richtig?
Krischanitz: Ja, und ich habe meine Sitzmöbel sozusagen als „Zeitfallen“ angelegt: Wenn man sich da hineinsetzt, verschwindet die Zeit – das hat eine geradezu philosophische Dimension. Daher liegen mir auch meine Liegemöbel am Herzen, wobei es sich dabei nicht um Betten im eigentlichen Sinne handelt: Das Chairbed m62 mit Bespannung aus Gurtgeflecht ist eine Sitzliege in der Art eines Liegestuhls, das Daybed m63 eine Tagesliege. Das sind zwei schmale Objekte mit einem langen Bugholzgestell nach Art eines Schlittens – ein optisch sehr reizvoller Effekt. Darüber hinaus ist das Buchenholz auch extrem stabil und leicht. Die beiden Liegen sind Teil der Serie Bentwood.

Würden Sie mehr Design machen, wenn Sie weniger mit Architektur zu tun hätten?
Krischanitz: Kann man so nicht sagen. Ein Designer arbeitet sozusagen für die Auslage. Wenn ich designe, dann für einen Anlass bzw. auf Auftrag. Das gibt dem Ganzen eine gewissen Konkretheit, und das mache ich dann auch sehr gerne. Wenn ich ein Gebäudeprojekt habe, wie beispielsweise für Novartis oder die Zurich Versicherung, dann kombiniere ich es oft mit eigenen Möbeln. – Oder ich mache ein ganz bestimmtes Möbelstück für einen Hersteller. Zum Beispiel schlug mir Heinz Hofer-Wittmann eines Tages vor, doch einen stapelbaren Fauteuil zu entwickeln – eine ungewöhnliche Kombination, denn Polstermöbel sind normalerweise nicht stapelbar. Aber es gelang, indem ich den vorne herauslösbaren Korpus mit einem Stahlrohrrahmen mit klappbarem Hintergestell zusammenspannte. Der AK03 m37 wird im Auditorium des Swiss Re Centre for Global Dialogue als Konzert- bzw. Veranstaltungsstuhl verwendet, und wenn diese zu Ende ist, kann der ganze Raum leicht lergeräumt werden.

Von welchen Prämissen gehen Sie bei Ihren Designs aus?
Krischanitz: Von den klassischen Möglichkeiten und Funktionen, die der Mensch hat und nutzt, wenn er „sich lagert“. Und er tut das immer in ähnlicher Weise, es gibt da keine grandiosen Unterschiede. Wie liegt man „wirklich“, wie sitzt man „wirklich“? Das sind Fragen, die beim Möbeldesign eine gewisse Rolle spielen. Bei mir ist die Situation in der Hinsicht speziell, dass ich Möbel in der Regel für einen ganz bestimmten Raum und aus dessen spezifischer Situation heraus entwickle. Ich habe zum Beispiel zusammen mit Hermann Czech die Leuchte Alva entworfen, eine klassische Kugelleuchte von 45 cm Durchmesser, unten offen und mit einem Messingrohr bis zur Decke versehen. Diese Art von Leuchte macht sich auf Treppen und in Stiegenhäusern gut, und daher habe ich sie bei meinem Umbauprojekt der Kunstuni Linz genau dort eingesetzt. – Ich will damit sagen: Ohne ein Architekturprojekt an der Hand tun wir Architekten uns schwer, etwas zu designen.

Wer produziert Ihre Designobjekte, wo kann man sie käuflich erwerben?
Krischanitz: Die meisten Sitzmöbel werden von Braun Lockenhaus bzw. Wittmann hergestellt, man kann sie dort oder auch über mein Büro bestellen. Bei den Leuchten sind die Hersteller vor allem Maderna und Zumtobel, sie sind ebenfalls über sie bzw. über mich käuflich erwerbbar.

Welche waren Ihre erfolgreichsten Möbelentwürfe?
Krischanitz: Das wird wohl die Serie Secession von 1986 gewesen sein, insbesondere der Stuhl m04 mit seinem gelochten und schwarz lackierten Seitenteil. Ich arbeitete damals zum ersten Mal an der Restaurierung der Secession, und im Zuge dessen kamen wir drauf, dass keine Sitzmöbel aus deren Entstehungszeit mehr vorhanden waren. Ich entwarf daher eine Serie, die an die Tradition der Bugholzmöbel der Jahrhundertwende anknüpfte. Das waren Sessel und Tische, die nicht unbedingt „modern“ waren, aber die Aura der Secession in sich vereinigten. In Wiesner-Hager fanden wir die Firma, die imstande war, sie herzustellen.

Ist der schöne Polstersessel AK04 m36 von 1992 aus schwarzem Leder mit Stahlrohrrahmen ein Erfolg gewesen?
Krischanitz: Auch das, er wird von Wittmann hergestellt. Vor allem aber waren die Umstände seiner Entstehung interessant. Ich bekam damals nämlich gemeinsam mit Hermann Czech den Auftrag, das Interieur des zu jenem Zeitpunkt noch im Bau befindlichen Centre for Global Dialogue der Swiss Re mit von uns entworfenen Möbeln zu gestalten. Weder Hermann Czech noch ich – die wir ja beide Architekten sind – hatten bis dahin einen reinen Interieur-Auftrag bekommen!

Hat sich Ihr Designstil in den letzten Jahrzehnten verändert? Wie würden Sie ihn selbst charakterisieren?
Krischanitz: Dass sich mein Stil verändert hätte, könnte ich nicht sagen. Ich versuche immer, es zeitlos zu halten. Wenn etwas modisch ist und dann in kürzester Zeit aus der Mode kommt – das kann ich nicht leiden.

Woran arbeiten Sie gerade?
Krischanitz: Zurzeit vor allem am Projekt Quai Zurich, dem Um- und Neubau des Sitzes der Zurich Versicherung. Das betrifft nicht nur Architektur, sondern teils auch das Interieur, und hier weniger die Büromöbel – Stühle, Schreibtische usw., die von der Stange kommen – als diverse Rekreations- bzw. Lounge-Bereiche, die individueller zu gestalten sind.

Sie sind Jahrgang 1946. Machen Sie einfach unverdrossen weiter?
Krischanitz: Bei bestimmten Berufen wie eben dem des Architekten oder Designers stellt sich tatsächlich irgendwann die Frage: Wie hört man auf? Denken Sie an Hermann Czech, der über achtzig ist. Man wird wohl irgendwann eine Technik, eine Strategie finden müssen – bis jetzt habe ich das jedenfalls noch nicht.

Zu Adolf Krischanitz

Der 1946 in Schwarzach im Pongau geborene Adolf Krischanitz war immer schon an einem „erweiterten“ Architekturbegriff interessiert, der die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen, theoretische Publizistik und insbesondere auch die Kunst mit einbezieht. Krischanitz war Gründungsmitglied der Architektengruppe Missing Link und Mitbegründer der Zeitschrift UmBau der Österreichischen Gesellschaft für Architektur, er war Mitglied und Präsident der Secession und Gestalter zahlreicher Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Er hatte eine Professur für Stadterneuerung und Entwerfen an der Universität der Künste Berlin inne und arbeitet heute als freischaffender Architekt mit Ateliers in Wien und Zürich.

Quelle: wohndesigners.at

krischanitz.at